Straßenblick

Google Street View ist aus der Mode. Die Autorin bedauert das


Text: Kirsten Fuchs

Ich habe bis jetzt keinen Text über »Google Street View« geschrieben, schon allein, weil ich das nicht aussprechen mag. Vju. Es ist mir unangenehm im Mund. So wie Satin oder Pointe oder think.

Ich hab ’ne schüchterne Zunge, die traut sich nur zu sagen, was sie kann. Ich kann bei einigen Wörtern nicht die Buchstaben so in meinem Mund bewegen, dass sie tatsächlich das Wort ergeben. Ich kann es im Kopf hö­ren, das Wort – so wie es klingen soll. Das heißt, mit dem Abspielgerät ist alles in bester Ordnung. Der dazugehörige Lautsprecher allerdings kann es nicht wiedergeben. Ich habe, während das Wort vom Kopf zum Mund unterwegs ist, eine kurze Angst, dass ich es wieder nicht aussprechen kann, und diese Angst wirft sich vor das Wort und verknotet es, bevor es meinen Mund erreicht.
Google Street View also.

Das Thema ist durch, wurde mir gesagt. DURCH ist das. Darüber kann man nix schrei­ben. NIX.
Aber ich habe es vor ein paar Tagen zum ersten Mal ausprobiert. Ich dachte, man braucht dafür eine Anmeldung oder ein Spe­cial-Effekt-Gedöns für viel Euro neunundneunzig.

Ich hinke den modernen Dingen nicht hinterher. Ich laufe einfach ganz woanders rum. Die modernen Dinge füllen Lücken, die ich gar nicht habe. Mir fehlt nichts. Meine Bedürfnisse sind gleichbleibend oldschool: schlafen, essen, ficken. Die Basics.
»Sex ist doch voll 80er«, hat letztens je­mand gesagt. Gut möglich, dann habe ich Sex eben als ironisches Zitat oder als Revival oder aus Nostalgie.
Schlafen ist echt Steinzeit.
Google Street View ist dagegen was ganz Neues, selbst wenn es im Vergleich zu den ganz, ganz neuen Sachen schon wieder alt scheint.

Ich wollte schauen, wie ich irgendwohin komme, und habe bei Google Maps geschaut – da war es auf einmal. Die dreidimensionale Stadt zweidimensional.
Als ob ein Fisch mit Halsstarre eine Straße betrachtet …

Kirsten_Fuchs_beide_BuecherEmpfehlung

So beginnt die Geschichte »Straßenblick«.
Von Kirsten Fuchs sind zwei Kurzgeschichten-Bände erschienen: »Eine Frau spürt so was nicht«, 160 Seiten und »Kaum macht man mal was falsch, ist es auch wieder nicht richtig«, 180 Seiten, mit Hörbuch. Versandkostenfrei im Online-Shop bestellen.

 

Leseproben

Kommentieren