Das Taschenbuch

Eine Kindheit im Osten

Text: Kirsten Fuchs

Die erste Tasche, die in meinem Besitz war, um darin meinen Besitz zu transportieren, war eine kleine Kindergar­ten­ta­sche, in die genau eine Brotbüchse passte. Die Brotbüchse war hell­grün und hielt nur, wenn man einen roten Gum­mi um beide Hälften machte … vielleicht wä­re es auch mit einem grünen Gummi gegangen. Die Tasche selbst war aus dickem Leder, rot, und die Verschlusslasche war gelb. Der Verschluss war aus Metall und zum Drehen, sodass auch kleine verschmierte, ungeschickte Patschehändchen von ei­nem hungrigen Kind ihn aufbekommen konnten und nicht jedes Mal die mürrische Kindergärtnerin Tante Petra um Hilfe gefragt werden musste, die ge­­sagt hätte: »Mann, Mann, kannste dis nich, Fräu­lein Fuchs, musste wohl verhungern, denk an die Kin­der in Afrika, die würden die Tasche mitessen.«

Ich trug diese Tasche jeden Tag über die Straße in meinen Kindergarten. Ich wurde nicht von meinen Eltern gebracht, weil der Weg nicht weit war, außerdem begleitete mich mein Freund Timm Pfeif­fer, in dessen Bruder Olaf Pfeiffer ich verliebt war, weil er groß war und blonde Locken hatte.
Mein Freund Timm war klein und hatte eine Brille mit einem Abziehbild im linken Brillenglas. Timm hatte oft irgendwelche Brüche und immer Läuse. Au­ßer­dem war Timm mit vier Jahren böse vom Fahr­rad gestürzt und hatte, bis die neuen Zähne zur Einschulung wachsen sollten, eine Prothese für die vorderen vier Zähne. Die er manchmal rausnahm, um anzugeben oder um kleben gebliebenes Mam­ba davon abzupulen.

Timm war ein toller Freund. Er konnte alles, was er für eine große Zukunft als Clown brauchte: mit den Ohren wackeln, schielen, die Augenlider umklappen, mit der Zungenspitze fast die Nase berühren, meterweit spucken und Pupsgeräusche mit der Achselhöhle machen. Timm Pfeiffer war eine Faxenmaschine. Die Familie Pfeif­fer wohnte ganz oben in unserem Haus und hatte Westkontakte. Wenn Timm und ich zusammen vor dem Haus standen, um gleich den weiten Weg über die kaum befahrene Straße an­zu­treten, schaute meine Mutter vom Balkon und winkte, und Timms Mutter schaute vom Balkon und schrie: »Hast du deine Stullen, Timm?« »Ja, Ma­ma!«, rief Timm. »Hast du deine Brille, Timm?« »Ja, Mama!« »Dann setz sie auf!« »Ja, Mama!« Und die Krö­nung war, dass Timms Mama rief: »Hast du deine Zähne, Timm?« »Ja, Mama!«, rief Timm, und dann …

Kirsten_Fuchs_beide_BuecherEmpfehlung

So beginnt die Geschichte »Taschenbuch«.
Von Kirsten Fuchs sind zwei Kurzgeschichten-Bände erschienen: »Eine Frau spürt so was nicht«, 160 Seiten und »Kaum macht man mal was falsch, ist es auch wieder nicht richtig«, 180 Seiten, mit Hörbuch. Versandkostenfrei im Online-Shop bestellen.

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